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48/2012

Wenn du in Schwierigkeiten bist, lauf nicht gleich zum Haus deines Bruders. Der Nachbar nebenan kann dir besser helfen als der Bruder in der Ferne.

Sprüche 27,10b (Gute Nachricht Bibel)

„Ich dachte, ich hätte etwas mit den Ohren!", sagte meine Freundin neulich. „Mein Kollege sagte tatsächlich: ,Mein Zeitbudget lässt das nicht zu', als ich ihn bat, mir schnell etwas aus den Akten herauszusuchen, was ich dringend brauchte." Die Art, wie ihr hier mitgeteilt wurde, dass der andere gerade keine Zeit hatte, bedeutet eine glatte Abfuhr. Da hört man heraus: „Ich brauche Zeit und Raum für mich - du hast da keinen Platz!"

Es kann schon sein, dass der Herr Kollege sich gerade mit etwas beschäftigt, was seine ganze Konzentration erfordert. Es ist auch wichtig, sich ab und zu abzugrenzen, um zu dem zu kommen, was man in Ruhe fertigstellen muss. Überhaupt ist es (über)lebensnotwendig, nicht allein auf die Bedürfnisse anderer zu achten, sondern auch auf die eigenen. Nur dann kann man hinterher dem anderen ein offenes Ohr leihen. Aber was macht man, wenn man zwar gern dazu bereit ist, aber zugleich den Eindruck hat, das könnte einen überfordern?

Da ist die alkoholkranke Kusine, die nichts an ihrem Zustand ändert, aber dauernd anruft und sogar droht, sich etwas anzutun, wenn man nicht gleich hilft. Es gibt den krebskranken Nachbarn, dessen Frau langsam dement wird und der doch so gern mit jemandem redet. In vielen Fällen, in denen man zeigen möchte: „Ich bin für dich da!", wird es darauf ankommen, genau auf die Umstände zu schauen.

Will die Kusine echten Beistand, Nähe, die auch Kritik einschließen kann? Will sie ihre Situation verändern? Was braucht der Andere wirklich? Möglicherweise reicht ein intensives Gespräch, um Nähe zu zeigen - oder es verlangt regelmäßige Kurzgespräche bei einem anderen.

„Lauf nicht gleich zum Haus deines Bruders, wenn du Schwierigkeiten hast", riet Salomo im Andachtstext. Man sollte auch überprüfen, ob man momentan genügend Kraft für intensive Nähe und zeitaufwendige Hilfe hat. Es kann klüger sein, kompetentere Menschen hinzuzuziehen, als sich dabei selbst aufzureiben.

Nähe ist ein Geschenk, das man nicht nur geben kann, sondern auch für sich erbitten darf. Es gibt überraschend viele Menschen, die ihr „Zeitbudget" gern dafür verwenden, einem nahe zu sein. Sie sind wahre „Nächste".

Beate Strobel


© Advent-Verlag Lüneburg

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