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38/2012

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.

Epheser 4,26.27

In diesem Satz wird vorausgesetzt, dass es auch bei Christen Zorn gibt. Eigentlich ein sehr nüchterner Satz. Es stimmt ja: Man kann jeden Tag Grund zum Ärger finden. Haben wir nicht alle jemanden in der Nähe, der schwierig ist? Ein Nachbar, der dauernd etwas an den Kindern auszusetzen hat. Ein Chef, der immer schlecht gelaunt ist. Menschen, die keine Rücksicht nehmen oder darauf pochen, was sie für ihr Recht halten.

Ich komme oft gar nicht so leicht über Ärger hinweg. Es beschäftigt mich: Diese Unfreundlichkeit, diese Ungerechtigkeit! In Gedanken stelle ich mir vor Augen, was mir angetan wurde, ich höre immer wieder die verletzenden Worte. Dann fallen mir immer kräftigere Antworten ein, die ich hätte sagen sollen. Es ist, als ob die Schlechtigkeit des anderen immer größer wird, je länger ich darüber nachdenke.

„Lass die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen." Warum nicht? Einen ersten Grund nennt der Text: Festgehaltener Zorn gibt den bösen Mächten Raum. Das schlechte Denken über den anderen macht mich selbst schlecht. Ich kann mich nicht mehr freuen. Ich sehe das Gute, was der Tag bringt, nicht mehr. Je schneller ich darüber hinwegkomme, desto besser für mich.

Zweitens vergiftet der Zorn die nächste Begegnung. Werde ich nicht genau darauf achten, was der andere wieder Schlechtes vorhat? So sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Ein dritter Grund: Je länger man mit der Aussöhnung wartet, desto schwieriger wird es. Was mit Kleinigkeiten begann, wird zu einer grundsätzlichen Angelegenheit. Aus einem unbedachten Wort, das leicht zu korrigieren gewesen wäre, wird eine tiefe Feindschaft.
Schließlich ein vierter Grund: Man kann sich nicht immer versöhnen. Es gibt zum Beispiel Menschen, mit denen ich mich nicht mehr aussprechen kann, weil sie nicht mehr am Leben sind. Und andere sind (noch) nicht zu einer Versöhnung bereit. Das muss ich akzeptieren.
„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen." Ich finde, das ist ein weiser Rat von Paulus. Geben wir Gott Raum, kann er unseren Zorn besänftigen und uns vergebungsbereit machen.

Bernhard Oestreich


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