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26/2009

Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

Psalm 71,9

Neulich bekam ich einen Anruf. Die nette alte Dame aus unserer Gemeinde – ich sah ihr Lächeln, ihre scheue Freundlichkeit, ihre sanften Augen vor mir -sei nun im Krankenhaus, eine Intensivbehandlung. Ihr ging es gar nicht gut, sagte man mir – und sofort wusste ich, was das bedeutete: Hier neigte sich ein Leben dem Ende entgegen.

Wann war ich zuletzt bei ihr gewesen? War es vor ein paar Wochen? Als ich damals den langen Korridor des Altenheims entlangging und das Zimmer suchte, wusste ich, dass mein Überraschungsbesuch gut für sie war. Und dann gingen wir erst mal ein wenig spazieren und saßen zusammen draußen auf einer Bank, an der die Mitbewohner vorbeigingen und grüßten. Wir sprachen fast nur über Belangloses, das Wetter, die Verpflegung im Heim. Dann hatte ich die alte Dame mit nach Hause genommen, sie hatte bei mir den Abend verbracht. Ich erklärte ihr, wie der CD-Player funktionierte, und wir hörten Irish Folk. Am liebsten hätte sie zu der Musik getanzt, doch die Beine hielten sie nicht so lange. So dirigierte sie schwungvoll mit den Armen und lachte dabei. Als sie ging, sagte sie, das Schönste sei gewesen, einmal anderes Brot, anderen Käse und eine andere Umgebung zu erleben als „zu Hause“. Das Wort „Zuhause“ war trostreich für mich, denn es schien mir zu sagen: Sie fühlt sich wohl im Heim.

Als ich sie wieder zurückbrachte, musste die Eingangstür vom Nachtdienst geöffnet werden. „So spät war ich schon lange nicht mehr aus, vielen Dank!“, sagte sie und verschwand. Und sie lächelte wieder, wie eben nur alte Damen lächeln können, die uns mit unserer Hektik und den ständigen Terminen nicht mehr so recht verstehen können.

Sie hatte – ich bemerkte es erst später – ihr Spitzentaschentuch in meinem Wagen vergessen. Das werde ich ihr beim nächsten Mal mitbringen, dachte ich, und ich werde versuchen, die Pause bis dahin nicht wieder so auszudehnen. Und während ich nach Hause fuhr, hatte ich das unglaublich gute Gefühl, etwas getan zu haben, was man sehr selten tut: Ich hatte jemandem meine Zeit geschenkt. Und die alte Dame hatte mich gelehrt, wie wichtig das ist.

Und nun dieser Anruf mit der Nachricht, die ich befürchtet hatte. – Wer noch irgendwo hinfahren kann zu einer alten Dame oder einem älteren Herrn, der sollte es tun.

Beate Strobel

© Advent-Verlag Lüneburg

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