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37/2008

Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.

Psalm 32,8

Während meiner Zeit in Berlin benutzte ich oft die S-Bahn. Einmal kam mir auf dem Bahnsteig ein junger Mann entgegen, der schon nicht mehr ganz sicher auf den Beinen zu sein schien. Mir kam der Gedanke: Frag ihn, ob er sich nicht lieber hinsetzen möchte! Ich ließ es sein. Erstens weiß man nie, wie solche Leute reagieren, zweitens wollte ich nach Hause und mich nicht aufhalten lassen.

Ich ging zum Fahrkartenautomaten und hörte plötzlich hinter mir Leute aufgeregt durcheinander- rufen. Der junge Mann war von der Bahnsteigkante auf die Gleise gefallen und konnte nicht mehr aufstehen. Das Ergebnis meines Nicht-Handelns war, dass ich eine Viertelstunde lang zusammen mit einem Bahnangestellten auf den Gleisen hockte und auf den jungen Mann einredete, damit er wach blieb, bis der Rettungsdienst kam. Genau so lange musste die S-Bahn warten, bis das Gleis wieder genutzt werden konnte. Gott hatte mir einen winzig kleinen Gedanken geschickt, der einem Fremden eine Gehirnerschütterung, etlichen Berlinern eine Bahnverspätung und mir eine Viertelstunde unbequemes „Gleishocken" hätte ersparen können — wenn ich nur reagiert hätte.

Wenn Gott uns mit seinen Augen leiten will, zwingt er uns zu nichts. Er gibt uns einen kleinen Wink — und bisher habe ich mich hinterher jedes Mal über mich selbst geärgert, wenn ich diesen Wink ignoriert oder mit „vernünftigen Argumenten" beiseite gewischt habe. Es geht dabei selten um große Dinge. Es sind diese Impulse „aus dem Bauch" heraus: „Schreib mal wieder an deine alten Freunde" oder „Entschuldige dich bei deinem Kollegen". Je länger ich mir Zeit lasse, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, desto mehr Argumente fallen mir ein, es nicht zu tun. Schade.
Millionen kleine, verpasste Gelegenheiten gehören zu meiner Biographie. Aber Gott hat mich noch nicht aufgegeben. Immer wieder schickt er mir solche Gedanken, die mich ermuntern, auf meine Mitmenschen zuzugehen und ihnen etwas Gutes zu tun.

Übrigens: Je mehr Zeit ich mir für meine persönlichen Zeiten mit Gott nehme, desto leichter nehme ich diese kleinen Winke im Alltag wahr. Es ist ein großes Abenteuer der kleinen Gelegenheiten, wenn man sich von Gottes Augen leiten lässt.

Tajana Kub

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