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Keine Einheit um den Preis der Wahrheit (24.08.06)

Weltweite Evangelische Allianz: Keine Einheit um den Preis der Wahrheit

Quelle: Evangelische Nachrichtenagentur idea
T ü b i n g e n (idea) – Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) wird bei ihrem Streben nach Einheit unter Christen nicht ihre Glaubensbasis und ihr theologisches Profil aufgeben. Um der Einheit willen zahle die evangelikale Bewegung nicht den „Preis der Wahrheit“, sagte der Vorsitzende der Theologischen Kommission der WEA, Rolf Hille (Tübingen), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.

Rolf Hille

Die 1846 gegründete Allianz repräsentiert rund 420 Millionen Evangelikale in 127 Ländern. In ökumenischen Gesprächen werde ihre Glaubensbasis nicht zur Disposition gestellt, versicherte Hille. Angesichts der Säkularisierung sei es aber auch wichtig, das Gemeinsame und Verbindende von Christen unterschiedlicher Traditionen herauszustellen. Gleichwohl kämen im Dialog etwa mit Vertretern der römisch-katholischen Kirche, der Pfingstkirchen oder der Siebenten-Tags-Adventisten Lehrdifferenzen deutlich zur Sprache und blieben als wesentlicher Grund der Kirchentrennung bestehen. Der Allianz gehe es – anders als dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) – nicht um die Gemeinschaft von Kirchen, sondern von einzelnen Christen. In den Lehrgesprächen wolle man herausfinden, ob Sonderlehren und Praktiken so fundamental trennend seien, dass einzelne Christen aus diesen Kirchen keine Gemeinschaft in der Allianz leben könnten. So müssten beispielsweise in Gesprächen mit den Adventisten im kommenden Jahr Unterschiede in der Endzeitlehre und im Blick auf die Einhaltung des Sabbats (Ruhetag am Samstag) geklärt werden. Wer Sondertraditionen, die nicht mit der Glaubensbasis der Allianz vereinbar seien, mit missionarischem Anspruch in der Allianz vertrete, sei nicht „allianzfähig“. In den Gesprächen mit römisch-katholischen Theologen und Vertretern des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden hätten sich allerdings viele Gemeinsamkeiten ergeben. Zuversichtlich ist Hille auch im Blick auf die noch laufenden Gespräche mit den Adventisten.

Keine „Fundamentalisten“ im landläufigen Sinn
Der „Theologie-Chef“ der WEA und Rektor des Albrecht-Bengel-Studienhauses in Tübingen wandte sich dagegen, Evangelikale als „Fundamentalisten“ im landläufigen Sinne zu bezeichnen. Sie respektierten aus Überzeugung Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit und lehnten jede Gewalt im Umgang mit Andersdenkenden ab. Aber sie hätten feste geistliche Fundamente. So gingen sie von der Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift aus. Evangelikaler Theologie gehe es darum, die Bibel in ihrem Wortlaut ernst zu nehmen und in ihren Aussagen sachgemäß, also auch geschichtlich und literarisch, zu verstehen. Das bedeute aber keinesfalls, sie von momentanen Einsichten und Modevorstellungen her zu kritisieren. Zentrale Aufgabe sei vielmehr, „das biblische Wort in Lehre, Seelsorge und Verkündigung so in unsere Zeit hinein zu sagen, dass die Menschen ihre Botschaft hören können und zum lebendigen Glauben an Christus finden“.

Mehr gelebte Bibeltreue nötig
Im Blick auf innerevangelikale Debatten um Bibeltreue sagte Hille, diese habe auch eine ethische Dimension: „Wie reden wir übereinander? Wie wird Kritik artikuliert? Ist gegenseitiger Respekt auch bei unterschiedlicher Meinung in Einzelfragen vorhanden? Kann man zwischen grundlegenden Wahrheiten und Ermessensfragen unterscheiden, und ist man auch im Blick auf letztere zu Kompromissen fähig?“ An solch gelebter Bibeltreue fehle es unter Evangelikalen häufig.

UN-Entwicklungspolitik kritische begleiten
Hille verteidigte das verstärkte sozialpolitische Engagement der WEA. So setzt sie sich im Rahmen ihres Micha-Projekts für die Millenniumsziele der UN ein, also etwa für die Halbierung der extremen Armut bis 2015. Zur Befürchtung, dass die Sorge um das Wohl der Menschen den vorrangigen Einsatz für das Heil verdrängen könnte, sagte Hille, die Verantwortlichen der Allianz stünden „unverändert und mit ganzer Leidenschaft hinter der Evangelisation“. Die Allianz sei aber seit ihrer Gründung auch sozial und politisch engagiert. Sie setze sich für Religionsfreiheit ein und erhebe ihre Stimme, wenn es um den Schutz des menschlichen Lebens vor Abtreibung, Euthanasie und Gentechnologie gehe. Eine Problematik des Micha-Projekts sehe er darin, dass man sich unreflektiert an ein politisches Programm anhängen könnte. Die deutsche Allianz habe deshalb darauf hingewiesen, dass die Kirche das Elend in der Welt nicht beseitigen und das Reich Gottes nicht herbeiführen könne. Man dürfe sich auch nicht von politischen Entscheidungen der UN abhängig machen, sondern müsse deren Entwicklungspolitik aus biblischer Sicht kritisch begleiten.

Weniger politische Theologen beim ÖRK
Veränderungen nimmt Hille beim ÖRK wahr, dem die meisten Evangelikalen in der Vergangenheit wegen politischer Theologie und ethisch liberalen Positionen kritisch gegenüber standen. Inzwischen bestimmen laut Hille jedoch politische und liberale Theologen in Genf längst nicht mehr so stark das Bild wie in den 70er und 80er Jahren. Auch beim ÖRK setze sich die Einsicht durch, dass sich der Schwerpunkt des Christentums von Europa und Nordamerika in den Süden der Welt verlagert habe. Dort lebten rasch wachsende Kirchen, die evangelikal bzw. charismatisch geprägt seien. Das führe zum Umdenken. Der ÖRK wolle nun die Pfingstkirchen einbinden.

Junge Theologen sind an der Praxis orientiert
In der nachwachsenden Theologengeneration stellt Hille lebhaftes Interesse an Gemeindeaufbau, authentischem geistlichen Leben und ansprechender Gottesdienstgestaltung fest. Insgesamt lasse sich eine größere Praxisorientierung als früher beobachten. Die heutigen Theologiestudierenden suchten im Unterschied etwa zu den 68ern eher Verständigung und Harmonie als die harte Auseinandersetzung. Allerdings dürfe darunter nicht die Leidenschaft in der Wahrheitsfrage leiden.

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