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32/2017
 

Sei nicht allzu gerecht ... damit du dich nicht zugrunde richtest.

Prediger 7,16

Die Novelle Michael Kohlhaas des Schriftstellers Heinrich von Kleist ist eine beliebte Schullektüre. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes, dem ein (kleines) Unrecht widerfahren war. Weil ihm Gerichte eine Wiedergutmachung verweigerten, griff er zur Selbstjustiz und zog in seinem Streben nach Genugtuung eine Schneise aus Tod und Zerstörung nach sich.

Ganz anders reagierte im vergangenen Jahr die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor, die dort ihre Eltern verloren hatte. Sie geriet als Kind zusammen mit ihrer Zwillingsschwester in die Fänge des KZ-Arztes Josef Mengele, der beide für seine berüchtigten Experimente missbrauchte. Beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Angehörigen Oskar Gröning, der in Auschwitz Dienst tat, wandte sie sich an den (reuigen) Angeklagten und bot ihm ihre Hand als Geste der Vergebung an. In ihrem Herzen habe sie ihren Peinigern bereits lange vergeben, sagte sie.

Mich erinnert das an den obigen Rat des Predigers Salomo. Eva Mozes Kor erkannte, dass „ausgleichende“ Gerechtigkeit („Auge um Auge“) hier (wie in vielen anderen Fällen) nicht möglich war. Was müsste denn passieren, damit in ihrem Fall eine „Genugtuung“ eintreten kann? Das mag man sich nicht vorstellen.

Vergeben heißt verzichten und gewinnen. Indem sie dem Täter vergab, verzichtete sie auf ihr Recht, den Schuldigen für seine Taten büßen zu lassen. Stattdessen schlug sie vor, dass Oskar Gröning Schulkindern von den Zuständen im KZ Auschwitz erzählen solle, damit sie gegenüber neonazistischen Tendenzen sensibilisiert werden. Gleichzeitig gewann sie etwas: Sie wurde „geheilt“ (wie sie es ausdrückte) - weil sie sich durch Vergebung von ihren schrecklichen Erfahrungen im KZ lösen konnte. Sie verlor ihre Opferrolle und gewann innere Freiheit. „Ich bin kein Opfer mehr - sondern eine Überlebende“, sagte sie und empfahl ihr Tun zur Nachahmung. Dabei war ihr bewusst, dass Vergebung nicht Versöhnung bedeutet, denn dazu gehören immer beide Seiten.

Michael Kohlhaas’ Suche nach Gerechtigkeit endete tragisch: Zwar erhielt er Schadensersatz, musste aber wegen Landfriedensbruch auf das Schafott. Statt den ersehnten inneren Frieden durch Ausgleich erntete er den Tod. Daher warnt uns Salomo zu Recht vor einer Übertreibung des grundsätzlich sinnvollen Prinzips der Gerechtigkeit.

Thomas Lobitz


© Advent-Verlag Lüneburg


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