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16/2006
 

Das Volk stand und sah zu.

Lukas 23, 26-49

Von Frauen redet die Bibel groß. Wo Männer hässlich höhnen, zeigen sie menschliches Mitgefühl. Sie können ihre Tränen nicht verbergen, als Jesus an ihnen zur Hinrichtung vorbeigeführt wird. Sie greift das an, wie der schwere Kreuzesbalken Jesus auf den Boden drückt. Sie können es kaum mit ansehen.

Und Jesus bleibt stehen. Er schaut die von Mitleid erregten Menschen ernst an: „Weint doch nicht über mich. Weint über euch!“ Er stirbt nicht, weil er mit seiner Macht am Ende wäre. Ihm wäre es leicht, vom Kreuz herabzusteigen.

Er stirbt für uns. Wir sind doch viel verlassener als er. Wenn Jesus unsere Sünde nicht wegträgt, müssen wir ohne Hoffnung ins Gericht Gottes. Das ist Grund zum Heulen.
Und dann hängt Jesus am Kreuz. Seine Lippen bewegen sich. Er betet. Wohl wird er um Erleichterung der Schmerzen beten? Nein, das ist es nicht. Er betet auch nicht um Kraft zum Durchhalten. Er betet für die, die ihn hassen: „Vater, vergib ihnen!“ Er kann es nicht ertragen, dass jetzt Menschen die größte Sünde auf sich laden und die in Jesus ausgestreckte Vergebungshand Gottes zurückweisen. Er will doch alle retten, den diplomatischen Pilatus, den sicheren Kaiphas, die groben Henker.

Ernüchternd erzählt Lukas weiter: „Das Volk stand und sah zu.“ Nicht anders ist es. Der Sohn Gottes blutet sich zu Tode, damit wir frei werden von der anklagenden Schuld. Lässt uns dies weiter unbeteiligt?

Da hängt neben Jesus ein Mann in der Todesqual. Not lehrt nicht nur beten, sondern viel häufiger fluchen. Dieser Mann braucht keinen Retter. Er beharrt stolz in seinem verkehrten Leben und lästert Jesus.

Nur einer ist da, der eingesteht, dass er einen Heiland braucht. Er muss schreien: „Herr, denk an mich!“ Und Jesus gibt ihm, dem Mörder, die felsenfeste Gewissheit: „Jetzt, heute, streckt Gott seine Hand nach dir aus. Er nimmt dich an als sein Kind!“

Ich wüsste nicht, wo ich vor Jammer bliebe;
denn wo ist solch ein Herz wie deins, voll Liebe?
Du, du bist meine Zuversicht alleine;
sonst weiß ich keine.


28/2006 | 15/2006