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9+10/2015
 

Denn darin sind die Menschen gleich: Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte. Aber was sich keiner verdienen kann, schenkt Gott in seiner Güte: Er nimmt uns an, weil Jesus Christus uns erlöst hat.
Römer 3,22b–24 (Hoffnung für alle)

Warum fällt es uns so schwer, es als ein Geschenk anzusehen, dass Gott uns von unserer Schuld befreien und als seine Kinder annehmen will? Wes- halb haben Religionen und Heilslehren Zulauf, die den Menschen die Hauptlast für ihre Erlösung auf- bürden?

Ein Grund dafür ist offenbar, dass sich manche Menschen nicht besonders schuldig fühlen, weil sie meinen, sich vorbildlich zu verhalten. Dieses tugendhafte Leben gleiche ihre gelegentlichen Fehl- tritte aus – ähnlich wie ein Wald, der als Ersatz für einen Kahlschlag an einer anderen Stelle ange- pflanzt wird. Eine „Begnadigung“ meinen sie nicht nötig zu haben; sie erarbeiten sich ihre Entlastung lieber selbst. Wissenschaftliche Untersuchungen ha- ben bestätigt, dass dieses moralische Empfinden offenbar zu unserer mentalen Grundausstattung gehört. So fanden Forscher der Universität Toronto heraus, dass Versuchspersonen, die Ökoprodukte erworben hatten, anschließend eher dazu neigten, zu stehlen oder zu betrügen. Dieses scheinbar über- raschende Ergebnis erklärten die Wissenschaftler damit, dass die Teilnehmer meinten, sie hätten mit dem Kauf von Ökolebensmitteln einen moralischen Kredit erworben, mit dem sie ein Fehlverhalten an anderer Stelle bezahlen könnten. Zahlreiche ähn- liche Studien hatten vergleichbare Ergebnisse (Süd- deutsche Zeitung vom 23. Mai 2012).

Deshalb funktionierte der Ablasshandel so gut – sowohl im Mittelalter als auch in seiner säkularen Variante, beispielsweise in Form einer freiwilligen CO2 -Abgabe bei Flugreisen. Doch der Apostel Pau- lus weist in unserem Andachtstext derartige Überlegungen entschieden zurück. Alle Menschen sind vor Gott schuldig geworden – auch du und ich. Ein „Abarbeiten“ dieser Schuld ist nicht möglich. Diese Einsicht widerspricht zwar unseren natürlichen Impulsen, ist aber die unabdingbare Voraussetzung dafür, die Güte Gottes zu begreifen und das Erlö- sungsgeschenk annehmen zu können. Sie bewahrt uns auch davor, uns moralisch über unsere Mit- menschen zu erheben.

Möge der Heilige Geist uns helfen, unseren wah- ren Zustand zu erkennen und die Gabe der Erlösung wirklich als ein Geschenk anzunehmen.

Thomas Lobitz



© Advent-Verlag Lüneburg


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