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05/2015
 

Gott hat euch zur Freiheit berufen, meine Brüder und Schwestern! Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung eurer selbst- süchtigen Wünsche, sondern dient einander in Liebe.

Galater 5,13 (Gute Nachricht Bibel)

Als unsere Tochter klein war, hatte sie eine Lieb- lingspuppe, die überallhin mitmusste. Dazu gehörte ein roter Koffer, in dem alle Puppenkleider verstaut wurden. Dann bekam sie einen Roller geschenkt. An einem nasskalten Herbsttag wollten wir spazie- ren gehen, natürlich mit dem Roller, aber die Puppe und der Koffer sollten auch mit. Wir Eltern erho- ben Einwände: „Beides wird nicht gehen, dann fällt dir die Puppe oder der Koffer vom Roller und alles wird dreckig!“ Nein, die Einwände galten nicht. Alles musste mit. Wir waren noch nicht weit, da passierte es. Der Koffer fiel runter, sprang auf und alles landete in der Pfütze. Das Geschrei war groß. Typisch Vater konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Wir haben es dir ja vorher gesagt!“ Worauf sie ärgerlich entgegnete: „Und warum habt ihr es mir dann nicht verboten?!“


Geht es uns nicht allen so ähnlich? Menschen nehmen sich die Freiheit zu tun, was sie wollen. Wenn es dann aber schlimm ausgeht und sie unter den negativen Folgen leiden, dann fragen sie:
„Warum lässt Gott das zu? “ Wir wurden von Gott zur Freiheit berufen. Sie ist Ausdruck von Vertrauen und Liebe und verleiht uns Würde. Gott ist die Frei- heit so wichtig, dass er die Möglichkeit zur falschen Entscheidung nicht ausschloss, weil sie zur Freiheit gehört. Mit seinen Geboten warnt er zwar vor den negativen Folgen aus dem Missbrauch der Freiheit, aber er verhindert sie nicht auf ihre Kosten. Das ist nicht leicht zu verstehen – und noch schwerer zu ertragen.
Weil sie die negativen Folgen der Freiheit fürch- ten, neigen Menschen dazu, einander die Freiheit zu nehmen. Die Diktatur des Proletariats war gut gemeint, endete aber mit dem Bau von Mauern. In der Gemeinde gehen fromme Menschen manch- mal mit Andersdenkenden so um, dass es denen die Luft zum Atmen nimmt. Die Freiheit ist nicht nur gefährdet, sondern auch gefährlich. Was ist die Lösung? „Dient einander in Liebe!“ Freiheit lässt sich nicht mit Gewalt verteidigen. Sie kann sich nur da entfalten, wo Menschen einander mit Vertrau- en und Güte begegnen. Wo wir ehrlich fragen: Wie kann ich dem Anderen beistehen oder helfen?, wer- den wir davor bewahrt, uns auf seine Kosten durch- zusetzen und die Freiheit, zu der wir berufen sind, bleibt bewahrt.

Lothar Wilhelm


© Advent-Verlag Lüneburg


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