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49/2014
 

Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen ...

2. Mose 20,4 (Gute Nachricht Bibel)

„Einbildung ist auch eine Bildung.“ Diese ironische Redensart hat für mich eine andere, erfrischende Bedeutung bekommen, seit ich mich mit Meister Eckhardt beschäftige, einem Theologen und Philosophen, der von 1260 bis 1328 lebte. Wahrscheinlich hat er den Begriff „Ausbildung“ erfunden. Überraschend ist seine Deutung dieses Wortes. Ausbildung heißt bei ihm erst einmal: Die Bilder müssen raus!

Warum? Wir sind alle voller Vorstellungen, voller Bilder, voller Vorurteile. Deshalb haben wir so wenig Platz für gutes Neues. Wir sind so angefüllt mit unseren Meinungen, so vorbelastet. „Ausbildung“ bedeutet nach Meister Eckhardt erst einmal, dass diese Bilder ausgeräumt werden. Herausschaffen der Bilder, die uns den Blick für die Wirklichkeit verstellen, die uns die Wahrheit vernebeln, die uns die Zukunft stehlen, denn „das Vorurteil ist weiter von der Wahrheit entfernt als die Unwissenheit“.

Wenn ich etwas (noch) nicht weiß, kann ich durchaus lernbegierig sein, aber durch ein Vor-Urteil belastet weiß ich (vermeintlich) von vornherein, was Sache ist. Jedes noch so gute Gegenargument setze ich als Mosaikstein in mein vorgefasstes Bild ein. Das betrifft den Umgang mit unseren Mitmenschen, aber auch das Verhältnis zu Gott.

Wir besitzen so viele Vorstellungen, so viele Bilder von Gott, dass wir für den lebendigen, wahren Gott kaum noch Platz haben. Luther übersetzte das zweite der Zehn Gebote so: „Du sollst dir kein Bildnis machen ...“ Hier wird nicht einer Bilderfeindlichkeit das Wort geredet, denn nicht die Bilder an sich bringen Gefährdung. Die Betonung liegt auf dem folgenden Gebot: „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2 Mo 20,5a)

In einer Predigt über das Wort von Jesus „Selig sind, die da geistlich arm sind“ (Mt 5,3a) sagte Meister Eckhardt, wir müssten Gottes ledig werden, recht verstanden „gott-los“, damit er uns dann füllen könne.
Ausbildung erschöpft sich also nicht im Eintrichtern von Faktenwissen, sondern will die Bereitschaft und die Fähigkeit wecken, Neues zu erkennen. Denn nach der Aus-Bildung folgt die Ein-Bildung in dem positiven Sinn, dass Gott uns mit Wahrheit und Klarheit erfüllt.

Möge Gott auch uns sein Bild einprägen, dass wir – recht verstanden – gebildete Menschen werden.

Werner Jelinek


© Advent-Verlag Lüneburg


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