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06/2014
 

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12,21

Wie leicht fällt es dir, dieses Wort des Apostels Paulus zu praktizieren? Mir fällt es nicht immer leicht, aber was mich aufregt, ist die Deutung, die manche Gläubige ihr geben: Wir sollen uns als Christen alles gefallen lassen.
Wenn ich mir Jesus und Paulus genauer ansehe, dann stelle ich fest, dass sie Menschen mit Rückgrat waren und keine Jammerlappen, die sich als Fußabtreter missbrauchen ließen. Deshalb erinnerte Paulus auch einige Verse vorher daran, dass es wohl nicht möglich ist, mit allen Menschen in Frieden zu leben; doch wenn irgend möglich, sollten wir es versuchen (V. 18).

Wie aber sollten wir mit unseren Gefühlen - wie Ärger oder Rachegelüsten - umgehen? Beim Lesen der Psalmen fällt mir auf, dass die Psalmschreiber ganz offen mit ihren Rachegefühlen umgegangen sind - ehrlicher als mancher Christ, der zwar nach außen lächelt, aber innerlich grollt. Allerdings versuchten die Psalmschreiber nicht, selbst Rache zu üben, sondern klagten Gott ihren Ärger und ihre Verletzungen und baten ihn, dass er es richten möge. Denn nur Gott ist wirklich gerecht; wir würden schnell über das Ziel hinausschießen und noch größeres Unheil anrichten. Das Unrecht kleinreden oder es nur in uns hineinfressen wäre ebenso schädlich - für uns selbst und letztlich auch für unsere Mitmenschen.

Unrecht muss als Unrecht bezeichnet werden. Als Jesus während seines Prozesses von einem Gerichtsdiener geschlagen wurde, nahm er das nicht widerspruchslos hin, sondern stellte den Übeltäter zur Rede (Joh 18,23). Allerdings schlug er nicht zurück, auch nicht mithilfe von Engeln. Dadurch, dass wir zurückschlagen - und sei es auch „nur“ mit verletzenden Worten -, entsteht gewiss kein Friede.

Manchmal lassen wir uns zwar nicht vom Bösen überwinden, aber wir lassen uns niederdrücken und versinken in Selbstmitleid und Ärger, weil uns Böses angetan wurde. Ist denn Verbitterung erstrebenswert? Nein, ganz sicher nicht! Ich darf meine Rachegefühle und meinen Ärger vor Gott bringen. Er hält das aus. Er nimmt mich ernst.

Und ich kann ihn bitten: Herr, schenke mir die Bereitschaft, denen Gutes zu tun, die mir Böses zugefügt haben. Ich kann es von mir aus nicht, aber du schaffst es in mir!

Matthias Gansewendt


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