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45/2013
 

Wer sich rühmen will, soll sich nur wegen dieser einzigen Sache rühmen: dass er mich kennt und begreift, dass ich der Herr bin! Ich handle liebevoll und sorge für Recht und Gerechtigkeit auf der Erde, denn das gefällt mir. Ich, der Herr, habe gesprochen!

Jeremia 9,23 (Neues Leben)

Ist es tatsächlich so, dass Gott für „Recht und Gerechtigkeit auf der Erde“ sorgt? Die Zahl derer, die das glauben, nimmt ab. Wer hätte nicht schon gehört: „Wenn es einen gerechten Gott gäbe, dann ...“?

Für viele sind die Missstände und Verbrechen in der Welt ein Zeichen dafür, dass es keinen gerechten Gott geben kann. Bei allem, was dem Menschen Leid bringt sei es Hunger, Krieg, Unterdrückung oder Krankheit fordern sie Gottes Eingreifen. Wenn es Gott wirklich gäbe, müsste er all das unterbinden, meinen sie. Weil er das nicht tut, zweifeln sie an seiner Existenz zumindest daran, dass er am Schicksal der Menschen interessiert ist. Merkwürdig ist allerdings, dass sie Gottes Eingreifen in der Regel nur dann verlangen, wenn sie sich selbst frei von Schuld wähnen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand seine eigenen Verfehlungen so kommentiert hätte: „Wenn es einen gerechten Gott gäbe, sollte er mich meiner Bosheit wegen endlich bestrafen!“

Dabei gibt es Ungerechtigkeit nicht nur in der Welt, sondern auch bei uns selbst. Wer erwartet, dass Gott um der Gerechtigkeit willen unnachgiebig durchgreift, darf sich selbst sein Denken, Reden und Tun davon nicht ausschließen. Spätestens hier kommen alle, die so forsch Gottes Eingreifen fordern, in arge Schwierigkeiten. Wenn der Herr unser Leben nur unter dem Blickwinkel der Gerechtigkeit in Augenschein nähme, hätten wir allesamt nicht viel Gutes zu erwarten. Deshalb bin ich froh, dass Jeremia im Blick auf Gott nicht nur von „Recht und Gerechtigkeit“ sprach, sondern auch von Barmherzigkeit („ich handle liebevoll“).

Im Babylonischen Talmud wird erzählt: Ein König besaß kostbare Gläser. In eines füllte er eiskaltes Wasser, da zersprang es. In ein anderes goss er siedend heißes Wasser, auch das zersprang. Hinfort mischte er kaltes und heißes Wasser, und die Gläser blieben heil.
So ist es mit Gottes Gerechtigkeit und Liebe: Für uns Menschen sind sie nur miteinander vereint zu ertragen.

Günther Hampel


© Advent-Verlag Lüneburg



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