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45/2012
 

Gott allein ist beides: Gesetzgeber und Richter. Nur er kann verurteilen oder von Schuld freisprechen. Woher nimmst du dir also das Recht, deine Mitmenschen zu verurteilen?

Jakobus 4,12 (Hoffnung für alle)

Gottes Wort verbietet es, andere leichtfertig zu verurteilen oder gar über sie den „Stab zu brechen". Aber gerade das liegt uns. Aus einer Unterhaltung flog mir folgender Gesprächsfetzen zu: „Ich brauche jemanden nur zu sehen, schon weiß ich über ihn Bescheid!" Das ist genau das, was in unserer Sprache mit dem Wort „Vorurteil" zum Ausdruck gebracht wird.

Dieser Begriff liegt dem „Urteil" zwar sprachlich nahe, aber ihm fehlen alle Merkmale, die ein Urteil erst möglich machen: Kenntnis der Person und der Umstände.

Vorurteile sind ein Zeichen von Dummheit oder Denkfaulheit. Man drückt sich um eine notwendige Auseinandersetzung mit einer Person oder Anschauung, indem man sich hinter vorgefassten Meinungen verschanzt. Vorurteile können auch Ausdruck von Unsicherheit und Angst sein. Man scheut sich, aus der bisherigen Sicherheit herauszutreten und auf unbekannte Menschen oder Ideen zuzugehen. Indem das Neue von vornherein ins Zwielicht gerückt oder in Frage gestellt wird, versucht man, unbequemen Herausforderungen auszuweichen.

In 99 Prozent der Fälle entsprechen Vorurteile nicht den Tatsachen und erst recht nicht der Wahrheit. Aber sie haben immer gefährliche Auswirkungen. Im Extremfall die Vernichtung Andersdenkender, wie es Eugen Roth (1895-1976) in einem seiner humorvollen Ein Mensch-Gedichte bitterernst beschreibt:

Ein Mensch, der, sagen wir, als Christ streng gegen Mord und Totschlag ist, hält einen Krieg, wenn überhaupt, nur gegen Heiden für erlaubt. Die allerdings sind auszurotten, weil sie des wahren Glaubens spotten! Ein andrer Mensch, ein frommer Heide, tut keinem Menschen was zuleide, nur gegenüber Christenhunden wär jedes Mitleid falsch empfunden. Der ewigen Kriege blutige Spur kommt nur von diesem kleinen „nur".*

Günther Hampel

* Eugen Roth, Mitmenschen, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1995, S. 125


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