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44/2012
 

Mach uns bewusst, wie kurz unser Leben ist, damit wir endlich zur Besinnung kommen.

Psalm 90,12 (Hoffnung für alle)

Das Schreiben ist persönlich/vertraulich adressiert: „Wir haben bei Ihnen eine Untersuchung vorgenommen. Dabei fand sich eine Auffälligkeit, die wir weiter abklären möchten. . In den meisten Fällen kann man mit einer Zusatzaufnahme einen suspekten Befund ausschließen."

Der Termin ist erst in sechs Wochen. Eine lange Zeit der Ungewissheit. „Erst einmal ruhig bleiben", denke ich. Ich neige überhaupt nicht dazu, mir schnell Sorgen zu machen. Aber ein wenig mulmig wird mir doch. Ich bin noch nie in meinem Leben nennenswert krank gewesen. Was ist, wenn die Diagnose „Krebs" lautet? Ich kenne einige, die gerade sehr tapfer gegen ihre Krebserkrankung kämpfen. Ich bewundere sie. Bei ihnen könnte ich mir Rat holen. Das wäre immerhin eine Perspektive.

Im Klosterladen auf der Fraueninsel im Chiemsee finde ich ein Buch: „Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte" von Anselm Grün. In einem Zug lese ich es durch. Ein Tag ist sehr kurz. Gehen wir von einem Monat aus. Wenn ich nur noch einen Monat zu leben hätte? Diese Frage ist sehr hilfreich. Und ich begreife: Sie bringt nicht die Sehnsucht nach dem Ende zum Ausdruck, sondern die Suche nach dem, was mein Leben ausmacht.

Wenn ich nur noch diesen einen Monat hätte: Wo möchte ich leben? Mit wem und wie möchte ich diese Zeit verbringen? Wen möchte ich noch einmal sehen? Was möchte ich auf jeden Fall noch zu Ende bringen, klären, bereinigen? Die Dringlichkeit führt zum Eigentlichen. Das Unwichtige tritt zurück. Ich brauche es ja doch (vielleicht) bald nicht mehr.

Eine heilsame Übung. „Halte dir immer vor Augen", schreibt Anselm Grün, „dass es deine wichtigste Aufgabe ist, in allem, was du bist, tust, redest, schreibst, etwas durchscheinen zu lassen von der anderen Welt, in der du wahrhaft daheim bist, von Gott, nach dem sich dein Herz sehnt, vom Himmel, ohne den die Erde ort- und heimatlos wird." (S. 44)

Nun ist die Untersuchung vorüber. Die Diagnose lautet: Ich bin gesund. „Danke, lieber Gott!"

Danke auch für diesen wunderbaren Anstoß, mich auf das Wesentliche meines Lebens zu besinnen, um es - wenn nötig - zu verändern und jeden Tag bewusst mit dir zu erleben!
Heidemarie Klingeberg


© Advent-Verlag Lüneburg


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