You are here: Andacht der Woche  

40/2012
 

Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deine Wegen, so wird er dich recht führen.

Sprüche 3,5.6

Seit langem habe sie sie wieder einmal in die Hände genommen, meine alte, lieb gewonnene Bibel. 1945 habe ich sie im Hof des Krankenhauses in Liegnitz auf einem Müllhaufen gefunden. Sie war noch völlig neu; nur den hinteren Buchdeckel hatten die Mäuse etwas angenagt. Den Schaden habe ich selbst behoben. Dieser Bibelfund war ein Freudenfest. Ich war damals überglücklich, einen solchen Schatz zu besitzen.

Siebzehnjährig hatte ich das Ende des Krieges überlebt, war dann aus der Gefangenschaft in Polen entkommen und nun heimlich auf der Flucht nach Deutschland. Meine Eintragung auf dem ersten Deckblatt lautet: „Ein Gottesgeschenk im tiefen Elend und Erniedrigung Mitte April 1945 in Liegnitz.“ Die Bibel ist in gotischen Buchstaben in Stuttgart gedruckt worden. Viele Bibelstellen habe ich in den folgenden Jahren angestrichen, auch den Andachtstext. Ich war entschlossen, diesen Rat zu beherzigen und mich von Gott führen zu lassen.

Inzwischen habe ich mich von manchen zerlese-nen Bibeln getrennt, aber von dieser Bibel werde ich mich - so lange ich lebe - nicht trennen. Der Rücken hat sich bereits gelöst und sie steht nicht mehr in der ersten Reihe im Bücherschrank; hat aber ihren festen Platz, sodass ich sie auf Anhieb finde.

Rückblickend kann ich dankbar bekennen: Gott hat seine Zusage wahr gemacht: Er hat mich recht geführt. Dabei war diese Bibel sein hauptsächliches Werkzeug. Sie hat meinem Leben eine ganz neue Richtung gegeben, und ich bin froh und glücklich, dass sich bis heute an dieser Richtung nichts geändert hat. Ich habe erlebt, wie Gott das Versprechen aus Jeremia 15,16 erfüllte: „Dein Wort ward meine Speise da ich's empfing; und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“

Salomo ermahnt uns in dem Andachtstext, uns nicht auf unseren Verstand zu verlassen, wenn es um Entscheidungen geht, die unseren Weg in die Zukunft oder unser moralisches Verhalten betreffen. In vielen Bereichen ist es gut und nötig, unseren Verstand gut zu gebrauchen (wozu hat ihn uns Gott sonst gegeben?), aber trotz Grübelns können wir nicht in die Zukunft blicken. Und unsere Vernunft rät uns manchmal nicht zum besten Verhalten. Da ist es angebrachter, sich auf die Gebote Gottes in seinem Wort zu verlassen. Sie führen uns
recht (Ps 119,33-35).

Reinhold Paul


© Advent-Verlag Lüneburg


44/2012 | 39/2012