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18/2012
 

[Jesus sagte:] „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel!"

Matthäus 6,9 (Gute Nachricht Bibel)

Es ist 4.30 Uhr morgens in der Bahnhofshalle einer fremden Großstadt. Ich bin mit dem Nachtzug angekommen und habe eine Stunde Aufenthalt. Das kalte Neonlicht beleuchtet Menschen, die mir sehr fremd erscheinen - Menschen mit müden, leeren Augen, manche betrunken, manche sehr ungepflegt. Der Gedanke an die Stunde Wartezeit auf meinen Anschlusszug ist mir unbehaglich.

Weil es zum Sitzen zu kalt ist, gehe ich langsam die große Halle entlang. Plötzlich taucht eine Gruppe Punker auf. Der harte Klang ihrer Schritte, die schwarzmetallene Kleidung, die schrillen Frisuren - all das jagt mir in dieser nächtlichen Atmosphäre eine Gänsehaut über den Rücken. Unwillkürlich bleibe ich stehen, um sie vor mir eine Tür passieren zu lassen. Als ich sie so im Vorbeigehen anschaue, wird mir plötzlich bewusst: Diese Menschen hier sind doch alle von Gott geliebt! - und in mir wird es auf einmal ganz hell und warm. Inzwischen haben die Punker die Tür passiert. Da dreht der letzte sich unvermittelt um, hält die Tür weit auf und lädt mich ein, vor ihm durchzugehen.

Unsere Blicke treffen sich für einen kurzen Moment - die Blicke von zwei Menschen, die einen gemeinsamen Vater haben - einen Vater im Himmel, der uns beide liebt - und einen gemeinsamen Bruder, der in seiner unbegreiflichen Liebe sein Leben für uns geopfert hat. Diese Erfahrung werde ich nicht vergessen.

Wie oft betrachten wir andere geringschätzig und abwertend - oder auch mit Angst, weil sie nicht unseren Wert- und Normvorstellungen entsprechen? Wie würden wir mit anderen Menschen umgehen - innerhalb und außerhalb unserer Gemeinde - wenn uns wirklich bewusst wäre, dass wir alle von Gott geliebt, gewollt und ins Leben gerufen sind, von ihm begleitet und sehnsüchtig erwartet werden (siehe Lk 15,18-20)?

Wenn wir beten: „Unser Vater im Himmel", bedeutet das, dass wir als Kinder dieses Vaters verbunden sind mit vielen Menschen, die sehr unterschiedlich sind, die manchmal sehr fremd und nicht immer sympathisch auf uns wirken. Wie gut ist es da, dass wir diesen Bruder - Jesus - haben, der beides kennt, die göttliche Liebe und unsere menschliche Schwäche (Hbr 2,11.17); der uns in unserem Versagen versteht, uns vergibt und uns manchmal überraschend einen Blick auf die große Liebe des Vaters ermöglicht.

Angelika Gmehling



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