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46/2010
 

Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Psalm 103,8

Am liebsten würde ich das Auto vor mir schieben. Der Fahrer schleicht mit sage und schreibe 40 Stundenkilometern vor mir her und ist wahrscheinlich meine heutige Geduldsprobe. Überholen ist unmöglich, also muss ich schön ruhig bleiben und brav hinterher zuckeln. Vielleicht hilft es ja, bis zehn zu zählen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass meine Geduld beim Autofahren besonders geprüft wird. Und jedes Mal scheine ich aufs Neue durchzufallen. Ich will ja geduldiger sein, aber manches regt mich einfach nur auf. Das Schlimme ist: Wenn ich darüber nachdenke, dann ist meine Ungeduld eigentlich nichts weiter als Egoismus. Ich muss zugeben, dass meine Ungeduld den anderen mein Tempo aufzwingt. Ungeduld kann kaputtmachen. Egoismus strengt an, raubt die Nerven und lässt mich nur noch um mich selbst drehen.
Ich wünsche mir, dass Menschen auch mit mir Geduld haben. Das zeigt mir, dass ich für sie wichtig bin. Geduld schaut nicht an mir vorbei, sondern sieht mich. Sie überholt nicht, sondern geht mit mir mit. Sie kritisiert nicht mein Tempo, sondern kann auf mich warten.

Die Bibel spricht an vielen Stellen von Gottes Geduld. Die Selbstaussage Gottes gegenüber Mose, er sei „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (2 Mo 34,6b), ist die am häufigsten wiederholte und zitierte Aussage im Alten Testament.

Gott versucht nicht, mich zur Höchstgeschwindigkeit anzutreiben. Im Gegenteil: Oft bremst er mich. Es geht ihm nicht um sein Tempo, sondern um meines. Gott hat Geduld mit mir.
Das zu wissen macht mich ruhig und schenkt mir ein Stück Gelassenheit. Ich darf in meinem Tempo vorangehen und Gott ist dabei. Er geht mit und überholt mich nicht, sondern bleibt an meiner Seite. Das ist Geduld und Gnade zugleich. Wichtig ist nur, dass ich auf seinen Wegen unterwegs bin.

Vermutlich wird es immer Autos geben, die nicht so schnell fahren, wie ich das gerne hätte. Dann will ich daran denken, dass Gott in meinem Leben weder drängelt noch hupt, sondern ganz geduldig in meiner Nähe bleibt. Wenn er aus Liebe zu mir so mit mir umgeht, möchte ich mit anderen Menschen ebenso umgehen.

Stephanie Keim

© Advent-Verlag Lüneburg


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