You are here: Andacht der Woche  

23/2010
 

Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere verurteilt, werdet auch ihr verurteilt werden. Und mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird man euch selber messen.

Matthäus 7,1.2 (Hoffnung für alle)

Auf dem Schreibtisch meiner Tochter habe ich ihn gefunden, einen winzigen, schwarzen „Spickzettel“, auf dem mit silberner Farbe französische Verbformen gekritzelt waren. Das hätte ich nicht von meiner 13-jährigen Tochter gedacht, die ansonsten so fleißig lernt und von ihren Geschwistern manchmal als „Streberin“ bezeichnet wird.

Als ich sie daraufhin erbost ansprach, schien sie überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben. Sie erklärte sogar, dass man die silberne Schrift auf dem schwarzen Blatt besser erkennen könne als eine dunkle Schrift auf weißem Papier. Ich fragte sie: „Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit und die Fairness den andern gegenüber, die sich redlich abmühen, für die Schule büffeln und nicht betrügen?“

„Tja“, antwortete sie mit einem Lächeln, „unsere Lehrerin hat uns allen erlaubt, dass wir einen Spickzettel machen dürfen, aber er darf nur 3x3 cm groß sein. Und sie hat sogar nachgemessen.“

So war das also. Insgeheim staunte ich über das pädagogische Geschick der Lehrerin, die damit erreichte, dass sich alle Gymnasiasten beim Präparieren des Spickzettels auf den Unterrichtsstoff vorbereitet hatten. Es war also doch kein Betrug und die allgemeine Gerechtigkeit war auch nicht verletzt worden. Meine Tochter hatte nicht betrogen. Spickzettel ist also nicht immer gleich Spickzettel. Eigentlich war es gar keiner!

Ich musste über mich selbst schmunzeln, während mir die zitierte Aussage Jesu in den Sinn kam, die uns davor warnt, zu schnell ein Urteil abzugeben, das dann wie ein Bumerang auf uns zurückkommen könnte. Wäre es mir mal früher in den Sinn gekommen ...

Man sollte immer erst nachdenken und nachforschen, bevor ein vorschnelles Urteil über das Handeln eines anderen Menschen gefällt wird. Wie schnell geschieht es, dass wir jemand verurteilen, ohne die Umstände und Gegebenheiten zu berücksichtigen.

Jesus sagt eindeutig: „Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt!“ (Mt 7,1 Hfa) Ich wünsche uns, dass wir heute gut und besonnen urteilen und bei allem, was wir über andere denken und entscheiden, immer den Menschen, den Gott liebt, zuerst sehen und erkennen.

Johannes Hartlapp

© Advent-Verlag Lüneburg


24/2010 | 21/2010