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11/2010
 

Einige Tage später packte der jüngere Sohn seine Sachen und ging auf Reisen in ein fernes Land, wo er sein ganzes Geld verprasste.

Lukas 15,13 (Neues Leben)

Manchmal erzählen mir Eltern traurig und verzweifelt von ihren Kindern, die nicht mehr in der Gemeinde sind oder gar nicht zum Glauben gefunden haben. Sie fragen: „Warum hat sich mein Kind vom Glauben entfernt?“ oder: „Was haben wir in der Erziehung falsch gemacht?“ Sie machen sich Vorwürfe und denken, dass sie es hätten verhindern können, wenn sie manches anders gemacht hätten.

Natürlich machen Eltern Fehler in der Erziehung, aber sie machen auch vieles richtig. Doch bei aller „richtigen“ Erziehung spielt die Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen eine wichtige Rolle. Diese Freiheit hat Gott in alle Menschen hineingelegt.

Gerade für junge Leute ist der Glaube, den die Eltern leben, bisweilen nicht attraktiv. Die Traditionen empfinden sie als überholt, den Bibelunterricht und die Predigten langweilig. Sie suchen ihren eigenen Weg.

So sehr wir uns auch bemühen, es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Entscheidungen unserer Kinder zu akzeptieren. Denn zum Glauben zwingen kann man niemanden. Das hat auch der Vater in der Erzählung Jesu erkannt: Er ließ seinen Sohn gehen, wie schwer es für ihn auch gewesen sein mag.

Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt: „Lasst sie [die Jugendlichen] gehen! Sie müssen nicht an unserem Wesen genesen, und das Recht auf Umwege können wir ihnen nicht nehmen, nicht einmal das Recht auf Irrwege.“ (Schwarzbrot-Spiritualität, S. 178) Vielleicht braucht es manchmal Lebensbrüche, falsche Wege und umständliche Strecken, um für sich den Weg des Lebens und Glaubens zu finden und auch zu gehen.

Was können wir in der Zwischenzeit tun? Nicht viel mehr als der Vater in der Geschichte Jesu: Ausschau halten und warten! (Lk 15,20) Und wenn das Kind zurückkommt, sollten wir es mit offenen Armen empfangen - ohne Vorwürfe.

Wohin unsere Kinder auch gehen mögen, wie fremd uns ihr Weg auch erscheinen mag: Gott geht mit ihnen und freut sich, wenn sie zu ihm zurückkommen, denn Jesus erklärte: „Genauso herrscht Freude bei den Engeln Gottes, wenn auch nur ein einziger Sünder bereut und auf seinem Weg umkehrt.“ (V. 10 NL)

Roland Nickel

© Advent-Verlag Lüneburg


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