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38/2008
 

Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen. Mach dir überhaupt kein Abbild von irgendetwas im Himmel, auf der Erde oder im Meer. Wirf dich nicht vor fremden Göttern nieder und diene ihnen nicht.

2. Mose 20,4.5 (Gute Nachricht Bibel)

Die Geschichte von der Anbetung des Goldenen Kalbs (2 Mo 32,1-6) beschreibt eine groteske Situation. Israel war verunsichert, weil Mose nicht vom Berg Horeb zurückkam. Ohne den Führer fühlte man sich verlassen und abgeschrieben. Plötzlich fehlte die sichtbare Symbolfigur. Deshalb wurde Aaron mit dem Begehren bestürmt: „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns hergehe!" Die Israeliten hatten ein elementares religiöses Verlangen; sie wollten spüren, dass sie nicht verlassen sind. Man wollte nicht von Gott abfallen! Man wollte nur etwas in der Hand haben, etwas sehen und greifen können, ein Symbol der Kraft, der Zukunft und der Gegenwart Gottes. Aber gerade dieser Versuch, Sich einen sichtbaren Gott zu schaffen, ist Abfall.
Wir sind nicht so „primitiv", dass wir Götterbilder gießen oder schnitzen, um dann vor ihnen anbetend auf die Knie zu fallen. Aber: Stoffliche Gottesdarstellungen sind ja nur Produkte der geistigen Bilder, die wir im Herzen tragen. An die Stelle von Götterbildern können Weltanschauungen, Systeme, Dogmen, Menschen, Pläne und Programme treten und zur alles bestimmenden Macht werden. Sie nehmen Gottes Platz ein und machen unfrei. Sie halten davon ab, auf die Stimme des lebendigen Gottes zu hören und ihm die Ehre zu geben. Auch in einer bilderlosen Kirche oder in einer vergeistigten Religiosität ist der Mensch stets versucht, sich einen Gott nach „seinem Bilde" zu schaffen.

Doch Gott hat sich über unsere eigenmächtigen Gottesvorstellungen und Wunschprojektionen, über das Dichten und Träumen unseres Herzens erbarmt. Weil wir seine Wirklichkeit mit unseren Vorstellungen nicht erreichen, ist er uns entgegengekommen, hat selbst die Brücke geschlagen und uns durch Jesus Christus in unserer menschlich-irdischen Wirklichkeit aufgesucht. Aber er hat seine Gegenwart und die Sichtbarkeit seines Sohnes zugleich verborgen in der Gestalt des Kreuzes. Den Zugang zu der Herrlichkeit des Gottes am Kreuz finden wir nur durch das Wort (vgl. 1 Kor 1). Im Wort und in der Botschaft vom Kreuz hat sich Gott offenbart. „Du sollst dir kein Bild von Gott machen" heißt: Versuche nicht, Gott „in den Griff" zu bekommen, seiner habhaft zu werden, sondern bemühe dich, offen zu sein für neue Erfahrungen mit ihm. Nimm ihn so an, wie er sich durch sein Wort, durch Christus und durch den Heiligen Geist offenbart.

Günther Hampel


50/2008 | 48/2008