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26/2008
 

Und alsbald predigte er [Paulus] in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei. Alle aber, die es hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierher gekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohenpriestern führe?

Apostelgeschichte 9,20.21

„Ist das nicht der ...?" Kommt uns diese Redewendung bekannt vor? Eine christliche Zeitschrift titelte: „Wie ein skrupelloser Muslim-Kämpfer im kriegsgeschüttelten Libanon Christ wurde. 223 Menschen auf dem Gewissen." Einer Person, die in ihrem Leben eine radikale Kehrtwendung vollzogen hat, begegnet man oft mit Skepsis. Ist das echt, was sie erzählt? Täuscht sie den Gesinnungswandel eventuell nur vor, um uns hereinzulegen? So fragen die einen. Und die anderen, frühere Freunde und Verbündete, fangen an, den Abweichler zu hassen. Der oben erwähnte ehemalige Fanatiker, der im Namen seiner missverstandenen Religion schon mit 17 Jahren 223 Menschen umgebracht hatte, fürchtet um sein Leben, obwohl er bis nach Kanada ausgewandert ist.

Paulus ging es ähnlich. Anfangs hatten die Christen Zweifel an seiner Bekehrung, und zeitlebens war er den Juden ein Dorn im Auge. Doch er hat sich nicht zurückgezogen, sondern gepredigt; wie schon damals König David, der trotz Ehebruchs und eingefädelten Mordes schrieb: „Ich will die Übertreter deine Wege lehren, dass sich die Sünder zu dir bekehren." (Ps 51,15)

Übereifrig Fromme neigen eher dazu, den Personen, die einiges falsch gemacht haben, das Schweigen zu verordnen. Wenn jemand nach einem Fehltritt, vielleicht sogar weitgehend durch Verschulden anderer, nicht mehr den biblischen Geboten gehorchte, hat er es manchmal schwer, wieder vom Kreis der Gläubigen angenommen zu werden. Einige Gemeindeglieder leiden zeitlebens unter Diskriminierung. Das sollte nicht sein. Sind wir nicht alle, ganz gleich wie anständig wir uns geben, auf das Erbarmen Gottes angewiesen? „Wir alle sind in vieler Hinsicht fehlerhafte Menschen", schreibt Jakobus (3,2 GNB). Wer hat das Recht dazu, die Verfehlungen des anderen immer wieder zu zählen oder im Gedächtnis neu einzukerben?

Gott, bewahre uns davor, der Sünde gegenüber nachlässig, dem anderen gegenüber hartherzig zu werden!

Josef Butscher


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