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23/2008
 

Der HERR ist Richter über die Völker. Gott ist ein gerechter Richter und (ein) Gott ...

Psalm 7,9a.12a

Immer wieder haben Propheten im Alten Testament darauf hingewiesen, dass „der Herr ein Richter ist". In einigen Psalmen wird das sogar als Grund zur Freude beschrieben. Dabei dachten die Schreiber durchaus nicht nur daran, dass alle, die sein Volk unterdrückten, von Gott zur Verantwortung gezogen würden. Vielmehr wollten sie ihrer Gewissheit Ausdruck verleihen, dass Gott über jeden Menschen ein gerechtes Urteil fällen wird, weil er nicht nur dessen Taten, sondern auch seine Beweggründe kennt.

Offen gestanden bin ich froh, wenn ich nichts mit Richtern und Gerichten zu tun habe. Wenn wir aber alttestamentliche Aussagen über Gott als Richter auf unsere Zeit übertragen, müssen wir bedenken, dass sich das hebräische Rechtssystem erheblich von unserem unterschied, das stark von römischen Rechtsvorstellungen geprägt ist. In Israel gab es zum Beispiel keinen Rechtsbeistand in Gestalt eines Verteidigers, der den Angeklagten vor Gericht vertrat. Vielmehr war der Richter in Israel verpflichtet, sich zunächst für den Angeklagten einzusetzen oder andere, die den Angeklagten und dessen Vergehen kannten, aufzufordern, ihn zu unterstützen. Erst wenn die Schuld unbestritten war, also nichts mehr zugunsten des Beschuldigten gesagt werden konnte, war es die Aufgabe des Richters, ein gerechtes Urteil zu fällen. Im Gegensatz zu unserem Rechtssystem oblag es dem Richter damals, zuerst alles zusammenzutragen, was für den Angeklagten sprechen könnte. Von daher sind auch die alttestamentlichen Aussagen über Gott als gerechten Richter zu verstehen.

Bedauerlicherweise verfestigte sich in der Christenheit nach und nach ein einseitiges Verständnis vom „Richter", das dem biblischen Sinn nicht gerecht wird. Gott wurde als strenger Richter dargestellt, der die Sünden der Menschen unnachsichtig ahndet. Das führte zu einem verzerrten Gottesbild. Während Gott als strafende oder rächende Instanz dargestellt wurde, sah man in Christus vor allem den Anwalt der Sünder. Das Neue Testament bestätigt jedoch, dass beide — Vater und Sohn — zugleich für uns Anwalt und Richter sind. Jesus selbst sagt von sich, dass ihm der Vater alles Gericht übergeben habe, und deshalb niemand von denen, die an ihn glauben, ins Gericht komme. Das ist nur deshalb möglich, weil Christus für unsere Schuld vor Gott eintritt und dafür ans Kreuz gegangen ist.

Wer an Jesus festhält, braucht sich vor dem Gericht Gottes nicht zu fürchten, weil Jesus der beste Anwalt ist.

Manfred Böttcher


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