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50/2007
 

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Lukas 15,24

Nein, wie eine harmlose Pfadfindergruppe sahen sie wirklich nicht aus, und auch nicht wie ein Knabenchor, obwohl sie kräftig und erstaunlich richtig mitsangen, als der Pfarrer das Lied anstimmte. In ihren blauen Anstaltsklamotten erinnerten sie mich eher an eine Truppe erfahrener Klempner, und in des Wortes doppelter Bedeutung traf das sicher auch zu. Dabei war Einbruch das Wenigste, weshalb die meisten von ihnen Monate und Jahre ihres Lebens hier verbrachten.
Sie hatten mich eingeladen, in ihrem Gottesdienst zu predigen, in einem Gefängnis irgendwo in Deutschland; und ich war sehr gespannt auf diese besondere Erfahrung. Wie würde es sein, Einbrechern, Totschlägern und Mördern Gottes Wort zu verkündigen? Dann saßen sie vor mir, und alle diese Überlegungen waren wie weggeblasen. Ich sah in ihre Gesichter, und es waren nicht die Gesichter von Mördern und Kriminellen, sondern von Menschen, in deren Züge sich das Elend, die Hoffnungslosigkeit und die Sehnsucht eines ganzen verpfuschten Lebens eingegraben hatte.
Da konnte ich gar nicht anders, als über Lukas 15 zu sprechen und ihnen das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu erzählen, in dessen Verlauf es auch darum geht, wie Gott wirklich ist. Nie zuvor hatte ich aufmerksamere, konzentriertere Zuhörer!

Nach dem Gottesdienst saßen wir noch eine Stunde mit „unserem" Bibelkreis zusammen - meine Frau und ich, der Anstaltsgeistliche und meine Freunde - etwa zehn Häftlinge, die in diesem Gefängnis die Bibelstudienbriefe der STIMME DER HOFFNUNG durcharbeiten. Und das war eigentlich die größte Freude an diesem Sonntagmorgen: erleben zu dürfen, wie tief ihnen Gottes Wort schon ins Herz gegangen war. „Durch Christus darf ich innerlich frei sein, ganz unabhängig von den äußeren Bedingungen der Haft!", „Was Sie heute gepredigt haben, das war meine Geschichte. Genau so habe ich Gott erlebt." Kein Zweifel, ich war bei Freunden zu Gast!

Zum Abschied schenkte mir mein lieber Freund Rainer eine kleine Biker-Bibel, versehen mit einer persönlichen Widmung. Ein Häftling beschenkte „seinen" Seelsorger mit Gottes Wort, weil Gottes Geist auch in Gefängniszellen wirkt. Ganz unter uns: Er kann auch dein Leben, egal wie es bisher gelaufen ist, wieder „auf die Reihe" bringen ...

Friedhelm Klingeberg


05/2008 | 06/2008