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06/2005
 

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Matthäus 6,12



Eine Studie der Universität Michigan (USA) vor einigen Jahren ergab, dass es uns leichter fällt, an die Vergebung unserer Schuld zu glauben, als anderen ihre Schuld zu vergeben. Einer Telefonumfrage unter 1.500 Personen zufolge glaubten 75 % der Befragten, Vergebung von Gott erfahren zu haben; doch nur 52 % konnten sagen, dass sie anderen vergeben hatten. Diese besaßen eine bessere körperliche und seelische Gesundheit und klagten weniger über Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Angst und Ruhelosigkeit.



Wir leben von der Vergebung unserer Schuld, die Gott uns gern und umfassend gewährt. Und es ist eine ganz natürliche - oder sollten wir sagen: geistliche -Folge, dass uns diese Erfahrung dazu befreit, auch anderen zu vergeben, die uns Unrecht getan haben.

Vergebung zu erfahren und sie zu gewähren ist nicht nur heilbringend für den, dem sie gilt, sondern ebenso für den, der sie gewährt.
Ich las einmal den Satz: „Wenn jemand dich um Vergebung bittet, dann vergib ihm um seinetwillen.

Wenn er dich nicht um Vergebung bittet, dann vergib ihm um deinetwillen." Wie viele schlaflose Nächte, Herzschmerzen, Magengeschwüre und andere körperliche Beschwerden sowie seelische Krankheiten mögen wohl auf das Konto „nicht vergebene Schuld" gehen? Wie viel Leid und Schmerz könnten wir uns ersparen, wenn wir diese Bitte des Vaterunsers ernst nähmen!

Wirklichen Frieden mit Gott können wir nur erfahren, wenn wir andere aus ihrer Schuld uns gegenüber entlassen. Das Vaterunser macht dies deutlich, indem es das „anderen vergeben" dem „Vergebung erhalten" zeitlich vorausgehen lässt. Im Grundtext heißt es nämlich wörtlich: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldigern." Mit anderen Worten: Als Nachfolger von Jesus dürfen wir von Gott keine Vergebung erwarten, wenn wir unsererseits anderen nicht vergeben haben.

Das heißt nicht, dass Gott uns vergibt, weil wir anderen vergeben haben. Aber er tut es nicht, wenn wir nicht dazu bereit sind, anderen zu gewähren, was wir selber von Gott empfangen haben.

Im Gleichnis vom „Schalksknecht" wird deshalb dem umbarmherzigen Knecht die bereits vollständig erlassene Schuld wieder auferlegt, weil er nicht bereit war, anderen gegenüber ebenfalls barmherzig zu sein. Andererseits ist uns Vergebung gewiss, wenn wir einander „von Herzen" vergeben (siehe Mt 18,21-35).

Rolf J. Pöhler


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